Die Geschichte des Joseph-Bernhart-Gymnasiums

Als das Staatliche Gymnasium Türkheim im Jahr 1972 seinen Unterricht mit drei 5. Klassen aufnahm, waren erst drei Jahre seit dem Tod Joseph Bernharts vergangen. Joseph Bernhart, seit 1934 in Türkheim ansässig, war 1961 zum Ehrenbürger Türkheims ernannt worden.

Bei der Suche nach einem geeigneten Namen für das neue Gymnasium lag es deshalb nahe, sich an Joseph Bernhart zu erinnern, zumal sein Andenken bei vielen seiner Zeitgenossen noch lebendig war. Der damalige Kultusminister Hans Maier ging deshalb gern auf den Vorschlag von Oberstudiendirektor Moos ein, Joseph Bernhart zum Namenspatron des Türkheimer Gymnasiums zu machen.

 

WER WAR JOSEPH BERNHART


Er wurde am 8. 8. 1881 als erster Sohn von Petronilla und Joseph Bernhart, Oberschreiber aus Türkheim, in Ursberg geboren. Die Familie siedelte erst nach Krumbach, später nach München um, wo Joseph Bernhart das humanistische Gymnasium besuchte. Sein Entschluss, Priester zu werden, entsprang der religiösen Atmosphäre seines Elternhauses, seiner persönlichen Frömmigkeit und seinen philosophischen Neigungen.

Im ersten Studienjahr, dem Philosophischen Jahr, wurde Bernhart mit dem Reformkatholizismus bekannt, der vor allem in der Zeitschrift "Hochland" ein geeignetes Forum fand. Die Zeit im Priesterseminar empfand er demgegenüber als Einengung, die er nur um des Zieles willen auf sich nahm. 1904 wurde er in Augsburg zum Priester geweiht.

Die Kaplansjahre, die er in verschiedenen schwäbischen Landpfarreien zubrachte, ließen ihn schon bald an seiner Berufung als Seelsorger zweifeln.

Die Begegnung mit Elisabeth Nieland, seiner späteren Frau, brachte für ihn die entscheidende Wende in seinem Leben. Er löste sich von der Seelsorge und begann, sich auf die theologische Promotion vorzubereiten. Seine fortschrittliche Gesinnung stand damals einer Laufbahn als Theologieprofessor im Wege. Seine Bemühung um eine Laiisierung blieb ohne Erfolg, und so entschloss sich das Paar, sich in London zivil trauen zu lassen. Von da an war ihm nur noch die Arbeit als freier Schriftsteller für Publikationen wie dem "Hochland" und den "Süddeutschen Monatsheften" möglich. Im Jahr 1928 folgte eine weitere Promotion in Philosophie an der Universität Würzburg.

Der Anbruch der Hitler-Diktatur zerschlug endgültig die Hoffnung Joseph Bernharts auf eine akademische Laufbahn. Seine freimütigen Äußerungen zur politischen Lage im "Hochland" brachten dieser Zeitschrift das Aus. Bernhart zog sich ins Elternhaus nach Türkheim zurück. 1941 verhinderte ein radikales Schreib- und Redeverbot jede öffentliche Wirksamkeit. Jedoch blieb Joseph Bernhart in Briefen und Gesprächen weiterhin der Mahner angesichts der wahnwitzigen Unmenschlichkeit des politischen Systems.

Seine in diesen bedrückenden Jahren bewiesene Treue gegenüber der Kirche hat ihm wohl 1942 die Laiisierung und die Aufhebung der Exkommunikation eingebracht. Ein Jahr vor dem Tod seiner geliebten Frau wurde ihm endlich der kirchliche Segen für die vor seinem Gewissen besiegelte Ehe gewährt.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches erlebte Bernhart eine Zeit der öffentlichen Anerkennung und Ehrung. Er wurde Honorarprofessor für mittelalterliche Geistesgeschichte und Mitglied der bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Societa Europea di Cultura. Seine Bücher wurden neu aufgelegt. Er entfaltete eine rege Vortragstätigkeit. Als er im Jahr 1969 im Alter von 88 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches und mannigfaltiges Werk.

Wissenschaftliche Arbeiten wie die Kommentare zu Augustinus und Thomas von Aquin reihen sich an Biographien (über Bonifatius, Franz von Assisi, Thomas Morus) und theologische Schriften über mittelalterliche Mystik. Daneben stehen Essay-Sammlungen und Erzählbände. Letzten Endes spiegelt sein Werk seinen bewegten Lebenslauf wider, der ihn zwang, mit Schriftstellerei seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein in sich geschlossenes Gesamtwerk konnte dabei nicht entstehen. Seine Sprache ist nicht jedem zugänglich und seine Schriften dürften wohl kaum von den heutigen Schülern des Joseph-Bernhart-Gymnasiums gelesen werden. Was Joseph Bernhart jedoch zum zeitlosen Vorbild macht, ist die Ehrlichkeit und Geradlinigkeit seines Denkens, die ihm keine Kompromisse mit dem Zeitgeist erlaubten, und der Mut, einen als richtig erkannten Lebensweg gegen vielfältige äußere Widerstände einzuschlagen und bis zum Ende zu gehen.